OSEI BONSU

Der in London und Paris lebende Schriftsteller und Kurator Osei Bonsu setzt sich leidenschaftlich für die Förderung der Kunst der afrikanischen Diaspora, die Repräsentation afrikanischer Kunst in zahlreichen Museen weltweit und die Unterstützung aufstrebender Talente durch seine digitale Plattform „Creative Africa Network“ ein. Als Kurator für internationale Kunst am Tate Modern Museum ist er für die Organisation von Ausstellungen, die Entwicklung der Museumssammlung und die Verbreitung von Werken verantwortlich, die sich mit den Themen Rasse, Migration und Identität in der zeitgenössischen Gesellschaft auseinandersetzen. Sein Buch „African Art Now“ (Afrikanische Kunst jetzt) wurde 2022 von Tate Publishing und Ilex veröffentlicht. Die Ausstellung von El Anatsui in der Turbinenhalle dauert bis zum 14. April 2024.

Können Sie uns ein wenig über Ihre ersten Berufserfahrungen erzählen und wie Sie zu Ihrem heutigen Erfolg kamen?

Meine berufliche Laufbahn begann mit der Begeisterung für die Arbeit mit kreativen Menschen. Mein erster Gedanke war daher, einen Museumsberuf zu ergreifen. Zu diesem Zweck bin ich bewusst nach London gezogen, um dort zu studieren. Am Central Saint Martins College of Art and Design habe ich meinen Bachelor in Kritik, Kultur und Kuration gemacht und am University College London meinen Master in Kunstgeschichte. Während meines Studiums wurde mir bewusst, dass ich die Beziehung zwischen Kunst, Kultur und Gesellschaft im Allgemeinen besser erforschen wollte. Nach meinem Abschluss war ich also fest entschlossen, eine Karriere einzuschlagen, die vom internationalen Dialog über Kunst und Kunstschaffende geprägt ist.

Ich bin in einer multikulturellen Familie aufgewachsen. Als jemand mit ghanaischen Wurzeln war ich sehr neugierig, warum zeitgenössische Kulturschaffende aus Afrika und ihrer globalen Diaspora in den Museen und in der Öffentlichkeit weltweit nicht stärker vertreten sind. Als ich also begann, für verschiedene Zeitschriften wie etwa „ArtReview“ oder „Frieze“ zu schreiben und meine Karriere auf internationaler Ebene voranzutreiben, wurde ich von der Möglichkeit motiviert, der afrikanischen Kunst eine breitere internationale Bühne zu bieten. Und das hat mich dann wiederum zu meiner Arbeit beim Tate Modern geführt.

Bitte erzählen Sie uns mehr über Ihre Arbeit am Tate Modern und insbesondere über die Idee hinter El Anatsuis Ausstellung „Behind the Red Moon“ (Hinter dem roten Mond) in der Turbinenhalle des Museums.

2023 hatte ich die Ehre, an zwei großen Projekten im Tate Modern zu arbeiten. Das erste war eine Zusammenstellung zeitgenössischer afrikanischer Fotografie mit dem Titel „A World in Common“ (Eine gemeinsame Welt), an der 36 Kunstschaffende beteiligt waren, die durch mit Hilfe der Fotografie und visueller Medien die Art und Weise, wie Afrika wahrgenommen wird, neu gestalten wollen. Das Aufregende daran war, dass viele dieser Kreativen zum ersten Mal im Tate Modern Museum ausgestellt wurden. Es war auch das erste Mal, dass das Museum eine Ausstellung über die Vielfalt und den Reichtum der zeitgenössischen afrikanischen Fotografie veranstaltete.

Das zweite große Projekt war das des in Ghana geborenen und in Nigeria lebenden Künstlers El Anatsui für unsere jährliche Ausstellung in der Turbinenhalle. Diese Ausstellungen ermöglichen vielen Künstlerinnen und Künstlern den berühmtesten Ausstellungsraum des Museums seit seiner Eröffnung im Jahr 2000 neu zu gestalten. Immer wieder bietet dieser monumentale Raum verschiedenen Kunstschaffenden die Möglichkeit, ihre mutigsten und ehrgeizigsten Entwürfe zu verwirklichen – so auch bei der aktuellen Ausstellung von El Anatsui.

„Behind the Red Moon“ besteht aus drei hängenden Skulpturen und ist in der Turbinenhalle ausgestellt. Man sieht diese schimmernden Metallkonstruktionen, die aus der Ferne wie große Skulpturen aussehen, bei näherer Betrachtung erkennt man jedoch, dass sie aus ganz einfachem Flaschendeckelmaterial bestehen. Es ist eine gute Gelegenheit für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen, über persönliche und historische Migrationsgeschichten und die Mobilität von Gütern und Menschen nachzudenken. Diese Werke fordern Menschen dazu auf, sich mit ihrer nächsten Umgebung auseinanderzusetzen. El Anatsui arbeitet seit Beginn seiner Karriere mit wiederverwertbaren Materialien, nicht nur, weil er sich für Recycling und Nachhaltigkeit interessiert, sondern auch, weil er glaubt, dass die menschliche Kreativität durch ihre Umwelt definiert wird. Seine Werke wollen nicht unbedingt auf die Krise aufmerksam machen, sondern vielmehr die Welt, in der wir alle leben, nutzbar machen.

Wenn Sie an die Zukunft denken, welche Gelegenheiten und Herausforderungen können Sie für die Kulturszene Londons vorhersehen und wie werden diese Ihre Arbeit als Kurator beeinflussen?

London wird unweigerlich immer mehr von einem globalen Publikum angetrieben. Meiner Meinung nach sucht dieses Publikum nach kulturellen Erfahrungen, die bedeutungsvoll und authentisch sind, und sehnt sich nach anderen kulturellen Perspektiven und deren Bedeutung.

Was meine eigene Zukunft betrifft, so bin ich überglücklich, dass das Tate Modern Museum weiterhin eine führende Rolle im weltweiten Panorama der modernen Kunst spielt. Diese Rolle jedoch ist wiederum von der Interaktion mit dem weiten Publikum geprägt. Die Pandemie hat unsere Denkweise über unser Publikum verändert. Einst ging es darum, das Publikumsinteresse anhand von Besucherzahlen zu messen, heute geht es darum, andere Wege zu finden, auf denen die Menschen mit Kunst in Berührung kommen.

Nicht zuletzt ist es auch wichtig, dass wir unser Denken über die Kunstwelt ein wenig dezentralisieren und uns nicht mehr nur auf die traditionellen Kulturszenen wie London, Paris und New York konzentrieren, sondern auch andere Kunstpanoramen wie Accra, Lagos und Kapstadt einbeziehen. Alle diese Orte haben ihren Beitrag zu dem geleistet, was wir heute als globale kosmopolitische Gesellschaft kennen. London kann nur gedeihen, wenn es mit Orten verbunden bleibt, die neue kreative Möglichkeiten und Erfahrungen schaffen.

Osei Bonsu wurde im Londoner Tate Modern Museum in Designs unserer FS24-Kollektion abgelichtet.

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